German English French Italian Spanish
PORSCHE • ERSATZTEILE
MOTORSPORT • FAHRZEUGE
WERKSTATT • RESTAURATION

Den ersten 911 sah ich etwa 1966. Ich war acht Jahre alt. Er war weiß und hatte grün getönte Scheiben, wenn ich mich recht erinnere. Im Wagen saß eine Blondine, die mich damals noch nicht interessierte. Die Karosserie hatte mir sofort gefallen und das Motorgeräusch ließ meinen Puls schneller schlagen. Ab 1969 begann ich mit dem Sammeln von 911-Prospekten und Testberichten. Jedem 911 hatte ich nachgeschaut und dem Motorgeräusch nachgelauscht. Diesen Jugendtraum mußte ich mir unbedingt irgendwann erfüllen...

Schließlich war es 1987 endlich soweit. Ich erwarb einen gebrauchten ‘82er 911 SC Targa. Die Fahrfreude und die Begeisterung wuchsen mit jedem Kilometer. Im Jahr 1990 folgte dann ein 88er Carrera Coupé Kat. in diamantblau Metallic, einer der schönsten Lackierungen, die jemals ein Auto tragen durfte. Leider mußte ich diesen Wagen 1992 aus beruflichen Gründen gegen einen Viertürer tauschen, was ich heute noch sehr bedaure. Etwa ein Jahr lang war ich dann ohne 911. Eine schreckliche Zeit! Ständig blätterte ich in alten Prospekten, Testberichten und Büchern vom 911, die ich seit meiner Jugend gesammelt hatte. Schließlich faßte ich den Entschluß, einen 911 in seiner Urform bis Baujahr 1973 zu erwerben (F-Modell). Er sollte so sein, wie ich ihn als kleiner Junge gern gehabt hätte. Nach langem Suchen fand ich dann endlich ein 911 E 2,4 Coupé in blutorange, Baujahr November 1971 in einem mittelprächtigen Zustand zu einem angemessenen Preis. Er war zum Glück noch nicht verspoilert, verbreitert oder auf G-Modell umgebaut worden. Der Vorbesitzer hatte den Wagen einige Zeit zuvor neu lackieren und nur die dringendsten Erhaltungsmaßnahmen vornehmen lassen. Mehr war es allerdings auch nicht. Zwar kam ich noch einmal ohne Probleme durch den TÜV, aber die Rostblasen unter dem Lack forderten in absehbarer Zeit eine aufwendige Restaurierung.

Aber das ist eine andere Geschichte.

911 - Restaurierung / Vom Alptraum zum Traumwagen

Eigentlich hatte ich die Nase von der Restaurierung meines Mercedes 280 SE Coupé 3,5 gründlich voll. Die Geduld wurde stark strapaziert und der vorgesehene Kostenrahmen weit überschritten. Mein 911 E 2, 4 Coupé war im Zustand drei minus. Man hätte mit ihm noch eine Weile fahren können. Den TÜV-Segen hatte er jedenfalls. Aber mit der Zeit verstärkt sich der Wunsch, ein solch edles Fahrzeug in den Zustand eins bis zwei zu versetzen, weil man irgendwann die Rostblasen unter dem Lack und die sonstigen Gebrauchsspuren nicht mehr sehen mag. Nun muß man wissen, daß ich nicht zu den aktiven Schraubern, sondern zu den bedauernswerten Zahlern gehöre. Nur Kleinigkeiten kann ich selbst ausführen. Nachdem ich meinen 911 seit dem Kauf im Herbst 1993 noch bis zum Herbst 1994 gefahren hatte, sollte nun bis zum Frühjahr 1995 die Restaurierung in einer Karosseriewerkstatt erfolgen.

Zunächst war der Ist-Zustand festzustellen. Unter der vor einigen Jahren erneuerten Lackierung waren zahlreiche Rostblasen zu finden. Die Kotflügel und die mit einem Reparaturblech versehenen Türen hatten ebenso Rostblasen, wie die Dachhaut im Bereich des Schiebedachrahmens. Beim Abschleifen des Altlacks entdeckte man überraschend auf der linken Seite eine kleinere "Briefmarkensammlung" im Bereich Türschweller und Seitenteil. Der Motordeckel bestand an der unteren Kante aus einer kunstvollen Stuckarbeit und die vordere Stoßstange konnte ihre Form nur durch viel Unterbodenschutz beibehalten. Im Karosseriebereich gab es aber auch Positives, was für die Kaufentscheidung wichtig war. Der gesamte Unterboden und nahezu alle anderen tragenden Elemente wie auch der Kofferraum waren in einem ungewöhnlich guten Originalzustand. Das rechte Seitenteil mit Öldeckel (Modelljahr ‘72) war bereits vom Vorbesitzer erneuert worden. Der Innenraum war abgesehen vom verschlissenen Teppichboden und Innenhimmel in einem guten Zustand. Dem Originalmotor merkte man seine 150.000 KM nicht an, wenn man einmal von den rasselnden Kettenspannern beim Kaltstart absieht. Die Ölflecken unter dem Motor zeugten von Originalität. Ein älterer 911 ohne Ölflecken ist entweder kein echter 911, oder es ist kein Öl im Motor. Schließlich waren noch die Reifen abgefahren und die löchrigen Wärmetauscher und der Schalldämpfer verstärkten das Motorgeräusch zu einem Rallyesound. Nun aber endlich zur Restaurierung.

Zunächst wurden Kotflügel, Türen, Hauben, Seitenteil und Türschweller links entfernt. Die Dachhaut wurde innerhalb der Regenrinnen herausgetrennt. Das Glas wurde ebenso ausgebaut wie die Innenausstattung. Türen, Dachhaut, Motordeckel und vordere Stoßstange konnte ich als mangelfreie und verzinkte Originalteile günstig gebraucht erwerben. Allein bei diesen Teilen konnte ich gegenüber Neuteilen ca. 5.000 DM sparen. Die vorderen Kotflügel, Seitenteil und Türschweller, Teppichboden, Innenhimmel, Wärmetauscher und Schalldämpfer aus Edelstahl u.v.m. wurden von der Fa. Mittelmotor kurzfristig zu angemessenen Preisen geliefert. Nachdem das gesamte Fahrzeug gründlich untersucht worden war, konnte nun der Zusammenbau erfolgen. Dachhaut mit Schiebedach, Seitenteil und Türschweller wurden fachgerecht stumpf eingeschweißt und die Schweißnähte verzinnt. Der Rost soll dieses Auto schließlich nicht noch einmal ruinieren. In der Lackiererei wurden weitere Rostschutzmaßnahmen im gesamten Karosseriebereich durchgeführt. Dann wurde die Karosserie gefüllert, abgeschliffen und Teil für Teil sorgfältig lackiert. Ich hatte ursprünglich vor, den Wagen in Hellgelb lackieren zu lassen. Aus Gründen der Originalität hatte ich mich in letzter Minute jedoch für das ursprüngliche Blutorange entschieden. Der frisch lackierte Wagen bekam nun statt der klaren Verglasung neues Grünglas, einen neuen Teppichboden in Originaloptik und einen neuen Innenhimmel. Der Unterbodenschutz und die Hohlraumkonservierung wurden erneuert und Edelstahlschalldämpfer und Wärmetauscher untergebaut. Die schmuddeligen Fuchs-Felgen konnte ich selbst aufarbeiten. Sie sehen mit den neuen Reifen wieder sehr gut aus. Im Juli 96 wurden in der Werkstatt der Fa. Mittelmotor die Kettenspanner, der durchgerostete Öltank und ein paar Kleinigkeiten fachgerecht erneuert. Nun ist es endlich soweit. Mein 911 sieht von minimalen Einschränkungen abgesehen wie ein Neuwagen aus. Genau so, wie ich ihn mir als kleiner Junge in meinen Träumen immer gewünscht habe. Leider habe ich den vorgesehenen Kostenrahmen wieder weit überschritten. Mittlerweile liege ich etwa beim Doppelten des damaligen Neupreises. Diese Investition wird durch das überragende Fahrgefühl allerdings voll gerechtfertigt. Aber das ist eine andere Geschichte.

911 - Fahrgefühl

Die meisten Autofahrer sprechen von einem "Fahrgefühl" ohne wirklich zu wissen, was das eigentlich ist. Es ist ja auch kein Wunder, denn die Autos aus jetziger Produktion haben im Vergleich zu meinem 911 Baujahr 1971 sehr viel Fahrkomfort. Alle Geräusche sind weitgehend weggedämpft und die Bedienung wird durch Servounterstützung erheblich erleichtert. Damit soll grundsätzlich nichts gegen diese Fahrzeuge gesagt werden, denn im täglichen Gebrauch empfindet man dies als durchaus angenehm. Aber wo bleibt das wirkliche "Fahrgefühl"? Ist das Fahren eines solchen Autos nicht wie schwimmen ohne naß zu werden? Von der Optik ganz zu schweigen. Können Sie auf 100 m einen Mitsubishi von einem Toyota unterscheiden? Nein? Können Sie auf 500 m einen Porsche 911 erkennen? Ja, natürlich!!

Aber wie ist nun das Fahrgefühl in einem Porsche 911 Baujahr 1971? Auch wenn im Prospekt von 1971 von "Komfort" zu lesen ist, darf man dies nicht so ernst nehmen. Für Lenkung, Bremse und Kupplung gibt es keine Servounterstützung. Das Motorgeräusch ist kaum gedämpft. Zum Glück, denn vor dem Durchfahren eines Tunnels dreht man die Seitenscheibe herunter, um noch mehr davon abzubekommen. Das Becker-Radio im Nadelstreifen-Design wird nur für das Hören des Wetterberichts eingeschaltet. Mit dem einzigen Lautsprecher im Armaturenbrett hat es sowieso keine Chance gegen das Motorgeräusch. Auch für heutige Verhältnisse können beachtliche Kurvengeschwindigkeiten gefahren werden. Vom Grenzbereich bleibt man dabei lieber eine Hand breit entfernt. Die Lenkung ist sehr zielgenau und vermittelt auch durch die Stoßempfindlichkeit ein sehr starkes Gefühl für die Straße. Der Geradeauslauf ist dabei besser als sein Ruf. Die rechte Hand sollte man allerdings doch lieber vom Knie der Beifahrerin ans Lenkrad nehmen. Die Fahrleistungen können sich auch heute noch sehen lassen. In einem Test der Auto Zeitung im Herbst 1971 erreichte der 911 E 2,4 Liter mit seinen 165 PS eine Höchstgeschwindigkeit von 219,5 Km/h. Die Beschleunigung von 0 - 100 Km/h betrug nur 7,5 Sekunden. Der damals ermittelte Testverbrauch betrug 17,1 Liter auf 100 Km. Die Verwendung von Normalbenzin hatte die Tankwarte und die 911-Eigner ebenso verwirrt, wie der Öleinfülldeckel im rechten Seitenteil. So wurde mancher Motor eines ‘72er Modells durch die "Benzinschmierung" ruiniert. Bedingt durch das geringe Gewicht von nur 1050 kg hat man ein Gefühl von Leichtfüßigkeit, wie man es bei einem Fahrzeug heutiger Produktion kaum noch findet. So freue ich mich auf jede Fahrt mit meinem 911. Wenn ich damit die 600 Km zum Tegernsee fahre, benötige ich zwar den nächsten Tag, um mich von der Fahrt zu regenerieren. Aber schon am zweiten Tag unternehme ich die nächste Fahrt. Der Weg ist das Ziel. Was für ein Gefühl!

Raimund Könighaus

Oben
Unten

Hinweis! Diese Website verwendet Cookies und verwandte Technologien.

Sofern sie das in ihren Browsereinstellungen nicht verhindern, erklären sie sich hiermit automatisch einverstanden. Datenschutz

Verstanden